26.05.2021 | Interviews

Interview Micha Tauroplu

Hi und willkommen zum ersten Interview auf Malzknecht.de. Seit einiger Zeit habe ich dieses Format schon geplant und gleich bei meinem ersten Interview einen sehr erfahrenen Hobbybrauer interviewen dürfen.

Micha, alias Tauroplu hat mir freundlicherweise ein paar Fragen zu seiner Person und zum Hobby beantwortet. Außerdem erzählt er von seinem Chaos-Sud und gibt hilfreiche Tipps für Einsteiger!

Wer im Hobbybrauer.de Forum unterwegs ist, der wird Micha auf jeden Fall schon kennen. Besonders durch seine vielen auf MMuM veröffentlichten Rezepte ist er in der Community sehr bekannt.

So haben es einige Rezepte unter die meistgebrauten und beliebtesten Rezepte in der Szene geschafft, z.B. das Michas OG Märzen.

Micha betreibt übrigens auch eine eigene Webseite, auf der er ebenfalls viele hilfreiche Tipps veröffentlicht hat. Ist ein Besuch auf jeden Fall Wert.

Hobbybrauer seit 1982, was hat sich geändert?

Tobi: Du bist ja bereits seit fast 40 Jahren Hobbybrauer in Deutschland. Was hat sich während der langen Zeit alles verändert? Gab es Hypes, die kamen und gingen? Sind gewisse Zutaten inzwischen in den Hintergrund gerückt? Wie hat sich die Szene gewandelt?

Micha: 40 Jahre ist nicht ganz korrekt, ich braue seit 1982…

Wenn ich daran denke, dass es damals lediglich folgende Zutaten gab: Pilsner Malz, obergärige Trockenhefe (die recht gruselig war und es sich eigentlich nur umfirmierte Backhefe gehandelt hat) und Hopfen. Also, irgendein Hopfen, man wusste noch nicht mal wie hoch der Bittergehalt war. Wenn man es bitterer haben wollte, lautete die Anweisung: einfach eine Handvoll mehr nehmen…

Geändert hat sich vor allem die Verfügbarkeit und Qualität der Brauhefen (gilt für Trockenhefen und Flüssighefen gleichermaßen). In den frühen 80ern war es sogar noch verboten komplette Brausets zu verkaufen, der Erwerb der Einzelkomponenten hingegen war erlaubt.

Anfänglich sind auch die ersten Brauzutaten aus England importiert worden, da es in Deutschland gar keinen Markt für Hobbybrauer gab. Da war England und die USA schon erheblich weiter als Europa bzw. Deutschland.

Geändert hat sich vor allem die Verfügbarkeit und Qualität und Quantität der Rohstoffe mit ihrer heutzutage schier unerschöpflichen Vielfalt an Malzen und Sondermalzen. Ständig kommen neue Hopfensorten oder Heferassen hinzu, sehr spannend. Inzwischen wird auch wieder mit Grut gebraut (spezielle Mischung aus verschiedenen Gewürzpflanzen wie Gagel usw.).

Hypes die kamen und gingen habe ich ehrlich gesagt nicht beobachten können, der größte Hype der letzten Jahre war die US-Version des IPA (India Pale Ale). Und ich muss sagen, ich bin froh über diesen Hype, es gehört zu meinen absoluten Lieblings Bierstilen.

Allerdings habe ich nie ein IPA gebraut, das überlasse ich lieber den Profis, die das können. Und da das in meinen Augen kein Bier für jeden Tag ist, kaufe ich es mir, wenn ich Lust darauf habe. Inzwischen gibt es eine erkleckliche Anzahl an wirklich guten US-IPAs.

Mir sind jetzt keine Zutaten bekannt, die in den Hintergrund gerückt sind, im Gegenteil, es kommen ständig neue hinzu und das finde ich Klasse. Es lebe die Vielfalt und die Szene hat sich diesbezüglich wirklich gewandelt, es gibt einige Pioniere, die sich mutig trauen, ungewöhnliche Wege zu gehen (Hanfbier, Gewürzbier, Schokoladenbier oder Nussbier, um nur einige Beispiele zu nennen).

 

Tauroplu’s Einstieg ins Hobby

Tobi: Wie bist du damals zum Heimbrauen gekommen?

Micha: Ich bin 1982 durch die Hobbythek zum Brauen gekommen, dessen Moderator Jean Pütz mich dazu „verführt“ hat, es mal mit dem Hobbybrauen zu versuchen. Ich war steter Zuschauer dieser Hobbyfernsehreihe. Jean Pütz haben wir es übrigens zu verdanken, dass jeder Hobbybrauer heutzutage 200 Liter Bier im Jahr steuerfrei zu brauen.

Er hat damals einen Deal mit den Zollbehörden ausgehandelt. Auch wenn Deutschland soweit ich weiß fast das einzige Land ist, in dem eine Mengenbegrenzung in Sachen Bier herrscht, bin ich dem guten Jean wirklich dankbar dafür. Allerdings kann man natürlich auch deutlich mehr Bier brauen, man muss es dann halt – zu einem steuerbegünstigten Tarif – versteuern.

 

Motivation für neue Rezepte

Tobi: Du hast inzwischen sagenhafte 25 Rezepte auf MMuM und / oder auf deinem Blog veröffentlicht. Was treibt dich an, immer wieder neue Rezepte auszuarbeiten und diese mit der Community zu teilen?

Micha: Nun, ehrlich gesagt, habe ich schon länger keine neuen Rezepte mehr entwickelt. Die Rezepte, die ich da zusammengebastelt habe, waren eigentlich nur „für den Hausgebrauch“ gedacht. Aber dann kam der allg. Aufruf, bewährte Rezepte doch für die Allgemeinheit in einer Sammeldatenbank zu Verfügung zu stellen.

Und dieser Aufforderung bin ich insofern gerne nachgekommen, da ich durch die Vielzahl der Hilfestellungen im größten deutschsprachigen Forum (www.hobbybrauer.de), die ich bekommen habe, gerne etwas zurückgeben wollte.

Da ich ein sehr pingeliger Typ bin, sind alle Rezepte das Ergebnis z.T. jahrelanger Entwicklungen und Anpassungen gewesen, bis sie meinen eigenen Ansprüchen und Vorstellungen eines leckeren Bieres genügten.

Da stand aber die Weitergabe oder Veröffentlichung dieser Rezepte noch gar nicht zur Disposition. Eine Community lebt vom Geben und Nehmen, von daher war es dann für mich völlig selbstverständlich, meine Rezepte mit anderen zu teilen.

Diese Rezepte haben sich aber fast nie an die gängigen Konventionen gehalten, soll heißen, ich wollte nie einen Biertyp 1:1 gem. der „Deutschen Bierkonvention“ brauen :). Für mich war der Geschmack und die Aromenvielfalt entscheidend.

 

Die Geschichte zum Michas OG Märzen

Tobi: Eines der wohl bekanntesten Rezepte in der deutschen Hobbybrauer Community ist dein Michas OG Märzen. Ich habe es selber schon einmal gebraut und es ist mitunter einer der beliebtesten Beiträge auf meinem Blog. Wie bist du zu dem Rezept gekommen und hast du geahnt, dass es später einmal so bekannt sein wird?

Micha: Ich habe anfänglich ausschließlich untergärig gebraut, fand das aber im Laufe der Zeit – trotz Verwendung von unterschiedlichen Malz- und Hopfensorten – geschmacklich immer langweiliger. Es waren gute Biere, keine Frage, sie haben mir auch immer geschmeckt, aber irgendwie fehlte mir auf Dauer was.

Dann bin ich dazu über gegangen, obergärig zu brauen. Und siehe da, plötzlich tauchten geschmacklich sehr interessante „Nebengeräusche“ auf als dies bei den untergärigen Hefen der Fall war. Seitdem (und das ist schon diverse Jahre der Fall) braue ich ausschließlich obergärig und bereue das bis heute nicht.

Wenn ich ein gutes untergäriges Pils möchte, dann überlass ich auch das den Profis (denn ein gutes Pils zu brauen ist immer noch eine hohe Kunst, die ich nicht beherrsche) und kaufe mir lieber ein gutes Pils. Das ist in meiner Region (Ruhrpott) auch gar kein Problem. Ich sage nur: Fiege Pils :).

Allerdings scheiden sich and dem OG Märzen durchaus die (puristischen) Geister (das meine ich nicht wertend). Für diese geht das überhaupt nicht zusammen, da sie der Meinung sind: Märzen und untergärig sind untrennbar miteinander verbunden.

Kein Problem, kann ich gut mit leben, brauche ich mich als Hobbybrauer doch gar nicht um wie auch immer geartete Konventionen zu scheren, ich kann machen, was ich will und das tue ich auch und das ist ja das Schöne am Hobbybrauen: jeder kann tun und lassen, was er will; grandios!

Dass das Rezept so vielen gefällt, finde ich Klasse, aber das konnte ich gar nicht vorausahnen, da es ja zur Zeit der Rezeptentwicklung gar nicht meine Absicht war, dies (und die anderen Rezepte) zu veröffentlichen.

 

Ein Chaos-Sud von Micha

Tobi: Fehler sind menschlich und ich glaube jeder Hobbybrauer hatte schon mal einen Chaos Sud. Wie erging es dir? Was war dein schlimmster Brautag?

Micha: Oh, ja…zum Glück hielten sich die Chaossude in Grenzen, aber ein Brautag bleibt mir noch in sehr lebhafter Erinnerung. Ich wollte unbedingt mal ein 5-Kornbier brauen, bestehend aus: Pilsner Malz, Dinkelmalz, Weizenmalz, Roggenmalz und Hafermalz.

Ging gleich damit los, dass nach 10 Min. Abläutern der Filter dicht saß (das hat es bei mir noch nie gegeben, obwohl ich durchaus schon mit Dinkel, Weizen und Haferflocken gebraut hatte). Ständig umrühren, vorsichtig nachgießen. Aber es half nichts, ich musste Teilmengen in ein Sieb schöpfen und von Hand immer kleine Mengen Wasser drüber gießen.

Das war sehr zeitraubend und extrem nervig. Das Spielchen wiederholte sich dann beim Hopfenseihen, so schnell konnte ich gar nicht kucken, wie der Filter dicht war. Also auch hier wieder mit dem Sieb gearbeitet. So ein Brautag ist ja ohnehin immer rel. lang, aber das war echt die Krönung, ich bin sehr spät abends völlig fertig zum Ende gekommen…

 

Hobby zum Beruf?!

Tobi: Hast du schon einmal darüber nachgedacht dein Hobby zum Beruf zu machen?

Micha: Anfänglich habe ich mal darüber nachgedacht, aber wenn ich so mitbekomme, was einem die deutsche Biergesetzgebung da so alles für Steine zwischen die Beine wirft und wie unflexibel und z.T. unsinnig diese ist (ich sage nur: Reinheitsgebot!), dann habe ich schon länger mit diesem Gedanken abgeschlossen. Es soll ein Hobby bleiben, bei dem ich das Bier braue, das mir (und meiner Frau) schmeckt, fertig.

 

Teilnahme an einem Wettbewerb

Tobi: Hast du schon einmal an einem Wettbewerb teilgenommen und warst vielleicht sogar platziert?

Micha: Ganz zu Beginn einmal, da bin ich von 20 Teilnehmern 10. geworden. Als ich später dann mitbekommen habe, dass die Trübung im Bier zur Abwertung geführt hat, habe ich mir gesagt: Dankeschön, auf Wiedersehen. Ich brauche auch keine Wettbewerbe (mehr), ich braue nicht für andere bzw. um vielleicht andere Geschmäcker zu bedienen, sondern ausschließlich für mich und meinen Eigenbedarf.

 

DE- oder  ausländischen Hopfen?

Tobi: Verwendest du derzeit in neuen Rezepten lieber Deutschen Hopfen oder welchen aus dem Ausland?

Micha: Ich verwende sehr gerne Deutschen Hopfen, aber abhängig von den Geschmacksrichtungen, die mir so vorschweben, verwende ich sehr gerne vor allem US-Hopfensorten, allen voran der Cascade und der Amarillo. Da kommen die Deutschen Pendants m.E. aromatechnisch nicht mit.

Victoria Secret verwende ich ebenfalls sehr gern, wegen seiner tollen tropischen Aromenfülle. Zu meinen beliebtesten Deutschen Hopfensorten gehören, der Hallertauer Mittelfrüh, Spalt Spalter und Spalter Select, Tettnanger und der Hallertauer Tradition.

 

Micha’s Zukunft

Tobi: Worauf freust du dich in Zukunft: Gibt es neue Hopfensorten, die du gerne einmal verwenden möchtest oder wartest du noch sehnsüchtig auf eine Änderung an deiner Brauanlage?

Micha: Meine Brauanlage unterliegt einer steten Veränderung, das ist ein ständiger Fluss.

Neueste „Errungenschaft“ ist ein neuer Gärbottich mit massiven Edelstahlwänden und Triclampanschlüssen und ein (leider teures aber sehr gutes) Easy Dens Dichtebestimmungsgerät. Eines meiner nächsten Brauprojekte wird ein Belgisches Witbier, darauf freue ich mich schon, ein genialer Durstlöscher für die heißen Tage.

 

Micha’s Tipps für Einsteiger

Tobi: Und zum Schluss: Welchen Tipp oder Ratschlag würdest du einem Hobbybrauer Einsteiger heute mit auf dem Weg geben wollen?

Micha: Bitte nicht gleich mit der Edelstahl-High-Endausrüstung beginnen. Auch wenn ich ein Umweltfreund bin und Plastik nicht so sehr mag, aber für den Anfang reicht eine Kunststoffausrüstung völlig aus. Weniger ist da mehr und natürlich gibt es ein paar unbedingte must-haves, die sind aber recht überschaubar.

Ich kenne einige Brauer, die dann gemerkt haben: huch, das ist zwar alles recht interessant aber doch ziemlich zeitaufwändig und haben dann rel. schnell wieder mit dem Brauen aufgehört und ihre teure Edelstahlausrüstung gleich wieder verkauft.

Und auch eine Kunststoffausrüstung kann man ja durchaus wieder an andere Brauanfänger weiterverkaufen, da braucht man nicht direkt unnötig Müll zu produzieren und das alles gleich in die Tonne kloppen. Man kann den Gäreimer z.B. durchaus auch als Lagerbehältnis für andere Dinge verwenden.

 

Schlusswort

Ich bedanke mich wirklich recht herzlich bei Micha, dass er an diesem Interview teilgenommen und auf die vielen Fragen so ausführlich geantwortet hat.

Es hat mir sehr viel Freude gemacht dich besser kennenzulernen und die vielen Infos und Tipps werden sicherlich nicht nur Hobby-Einsteigern von großem Wert sein.

Ich hoffe, dass wir uns irgendwann auch einmal persönlich kennenlernen, vielleicht auf der nächsten HBCON?

Das Fiege Pils ist übrigens auch mein Lieblings-Pils 🙂

Viele Grüße und allzeit gut Sud

Tobi

 

Bildquelle: Bild von Jorge Guillen auf Pixabay


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