Verkostung ohne Erwartungen: Das eigene Bier neu entdecken

Gastbeitrag von Christian Goldemann (Kraftbier0711)

Wir von Kraftbier0711 lieben Bier in allen möglichen Varianten und in den vergangenen Jahren ist eine ziemlich große Bandbreite durch unsere Gläser gegangen. Dabei verändert sich mit der Zeit natürlich auch der eigene Geschmack. Am Anfang steht vielleicht noch ein klassisches Beck’s auf dem Tisch. Dann entdeckt man als Biernerd irgendwann IPA, Pale Ale, Porter und Stout. Später wird es spezieller. Fassgereifte Imperial Stouts mit Tonkabohnen und Madagaskar Vanille, belgische Lambics mit Früchten oder andere Bierstile, die mit einem klassischen Pils nicht mehr besonders viel gemeinsam haben. Wer dann noch weitergehen möchte, landet schnell bei kleinen Craft und Nanobrauereien. Dort werden die Mengen kleiner und die Ideen oft mutiger. Plötzlich kommen besondere Hefestämme, junge Fichtenspitzen, Kräuter, Früchte, Gewürze oder andere Zutaten ins Bier.

Aber was kommt danach? Für uns sind es Heimbrauer. Wer wirklich neue Sachen probieren möchte, sollte einmal eine Heimbrauerveranstaltung besuchen. Hier wird häufig außerhalb dessen gedacht, was im normalen Bierregal funktioniert oder überhaupt funktionieren muss. Niemand muss mit einem Sud den Geschmack von hunderttausend Kunden treffen. Das gibt den Brauern die Freiheit, Dinge einfach auszuprobieren. Natürlich findet man dort auch sehr gute Pilsner, Weizen, Pale Ales, IPAs, Stouts und fast alle anderen bekannten Bierstile. Uns interessieren aber besonders die Biere, bei denen jemand einen Schritt weitergeht. Genau da wird es spannend.

Warum ist Heimbraubier so spannend?

Wer selbst mit dem Brauen anfängt, beginnt meistens nicht gleich mit Gurke, Dill und Fichtenspitzen. Erst einmal muss man verstehen, wie aus Wasser, Malz, Hopfen und Hefe überhaupt ein gutes Bier entsteht. Und dabei merkt man ziemlich schnell, wie viele Möglichkeiten es gibt, Fehler zu machen. Maischen, die verschiedenen Rasten, Läutern, das Kochen der Würze, die Hopfengaben, das Kühlen, die Auswahl der Hefe, die Gärtemperatur, ein möglicher Cold Crash und schließlich die Abfüllung. Jeder einzelne Schritt hat Einfluss auf das Bier und mit jedem Sud lernt man etwas dazu.

Das haben wir auch bei unseren eigenen Bieren erlebt. Bei uns war beispielsweise Oxidation ein Problem. Gerade nach der Gärung sollte möglichst wenig Sauerstoff an das Bier gelangen, weil dieser die Geschmacksstabilität beeinträchtigen kann. Also haben wir unseren Abfüllvorgang verändert und versucht, den Kontakt mit Sauerstoff so weit wie möglich zu reduzieren. Wer regelmäßig braut, kennt seine Anlage irgendwann sehr genau. Man weiß, wie sich bestimmte Hefen verhalten, welche Temperaturen funktionieren und an welchen Stellen des Prozesses man besonders aufpassen muss. Genau dann beginnt für uns der eigentlich interessante Teil.

Irgendwann reicht das fünfte IPA

Ein gutes IPA kann großartig sein. Nach dem fünften IPA möchte man als Biernerd aber vielleicht wissen, was sonst noch geht. Und beim Bier geht ziemlich viel. Dann landen Fichtenspitzen, Kräuter, Beeren, Früchte, Gewürze oder völlig andere Zutaten im Sud. Hefen werden gezielt wegen ihrer Aromen eingesetzt, klassische Bierstile verändert oder miteinander kombiniert. Irgendwann steht dann vielleicht tatsächlich ein Bier mit Gurke und Dill vor einem.

Die ungewöhnliche Zutat alleine macht daraus aber noch lange kein gutes Bier. Genau hier liegt für uns die eigentliche Herausforderung. Ein außergewöhnliches Bier muss am Ende trotzdem funktionieren. Es soll sauber gebraut sein, nicht unkontrolliert aus der Flasche schießen und keine störenden Fehlaromen haben. Vor allem sollten die verwendeten Zutaten nicht einfach nur irgendwie vorhanden sein, sondern zusammen ein stimmiges Bier ergeben. Gurke und Dill ins Bier zu geben ist erst einmal eine Idee. Ein richtig gutes Bier daraus zu brauen, ist Handwerk. Genau diese Kombination aus Experiment und handwerklicher Kontrolle macht Heimbraubiere für uns so interessant.

Wie verkosten wir Bier?

Bei unseren Tastings versuchen wir zunächst, ein Bier möglichst unvoreingenommen ins Glas zu bekommen. Der erste Eindruck entsteht dabei schon lange vor dem ersten Schluck. Wir schauen uns die Farbe an. Ist das Bier hellgelb, goldfarben, bernsteinfarben, kupferfarben oder fast schwarz? Ist es klar oder trüb? Wie verhält sich die Kohlensäure im Glas? Dann kommt der Schaum. Ist er fein oder grobporig? Bleibt er stabil stehen oder fällt er schnell zusammen? Ist er cremig, fest oder eher luftig?

Danach kommt die Nase. Bevor wir trinken, riechen wir am Bier und versuchen die ersten Aromen zu erfassen. Malz, Hopfen, Hefe und weitere Zutaten können sich hier bereits deutlich zeigen. Je nach Bier kommen Frucht, Zitrus, Kräuter, Gewürze, Karamell, Kaffee, Schokolade, Röstaromen oder viele andere Eindrücke hinzu. Dann kommt der erste Schluck und danach riechen wir häufig noch einmal am Bier. Mit dem ersten Schluck verändert sich die Wahrnehmung und manche Aromen werden erst jetzt richtig deutlich.

Beim Trinken teilen wir unseren Eindruck grob in Antrunk, Mittelteil und Abgang. Was passiert vorne auf der Zunge? Kommt zuerst Süße, Säure oder Bitterkeit? Wie entwickelt sich das Bier im Mund? Ist es leicht oder schwer, trocken oder cremig, ruhig, prickelnd oder stark karbonisiert? Und schließlich der Abgang. Was bleibt übrig, wenn das Bier längst geschluckt ist? Bleibt Hopfenbittere stehen? Kommt noch einmal Malz, Schokolade, Frucht, Kräuter oder Säure? Oder verschwindet das Bier sehr schnell? Dabei geht es uns nicht darum, möglichst viele komplizierte Aromen aufzuzählen. Wir wollen herausfinden, was tatsächlich im Glas passiert.

Heimbraubier zu verkosten ist anders

Wenn wir auf einer Heimbrauerveranstaltung ein Bier vor uns haben, gehen wir grundsätzlich genauso vor. Anschauen, riechen, trinken und noch einmal trinken. Trotzdem ist das Tasting hier etwas anderes. Bei einem bekannten Bierstil hat man meistens eine Vorstellung davon, was einen erwartet. Bei einem Pils sucht man andere Eigenschaften als bei einem Imperial Stout oder einer Berliner Weisse. Bei einem experimentellen Heimbraubier funktioniert diese Erwartung nicht immer. Vielleicht hat der Brauer einen bekannten Stil komplett verändert, vielleicht wurden ungewöhnliche Zutaten eingesetzt oder eine Hefe verwendet, die Aromen produziert, die man in diesem Zusammenhang noch nie im Glas hatte. Dann muss man erst einmal herausfinden, was man überhaupt schmeckt.

Das macht die Verkostung anspruchsvoller, gleichzeitig macht sie für uns aber auch deutlich mehr Spaß. Natürlich begegnet einem gelegentlich ein Bier mit einem Fehlaroma. Das gehört gerade beim Experimentieren dazu. Oxidation, unerwünschte Säure oder Probleme bei Gärung und Abfüllung können sich später im Glas bemerkbar machen. Interessanterweise wird genau dadurch das Tasting noch lehrreicher. Wenn man viele unterschiedliche Biere probiert, lernt man mit der Zeit nicht nur, gute Aromen besser zu erkennen. Man versteht auch immer besser, wann etwas im Bier nicht so funktioniert hat, wie es vermutlich gedacht war.

Respekt vor dem Handwerk

Genau deshalb haben wir großen Respekt vor guten Heimbrauern. Ein außergewöhnliches Bier zu entwickeln ist die eine Sache. Dieses Bier anschließend sauber ins Glas zu bekommen, eine ganz andere. Wenn jemand Fichtenspitzen, Kräuter, Früchte oder andere ungewöhnliche Zutaten verwendet, müssen diese am Ende mit Malz, Hopfen und Hefe zusammenspielen. Mehr Zutaten bedeuten nicht automatisch mehr Geschmack und schon gar nicht automatisch ein besseres Bier. Manchmal ist gerade die Zurückhaltung entscheidend.

Das Spannende ist deshalb nicht das verrückteste Etikett oder die längste Zutatenliste. Spannend wird es, wenn man einen Schluck nimmt und merkt, dass sich jemand wirklich Gedanken gemacht hat. Und manchmal steht man mit einem Glas in der Hand da und fragt sich, wie zur Hölle jemand auf diese Idee gekommen ist. Genau für solche Momente gehen wir auf Heimbrauerveranstaltungen. Man probiert Dinge, die man im Getränkemarkt wahrscheinlich niemals finden würde, spricht direkt mit den Menschen, die das Bier gebraut haben, und erfährt, was die Idee dahinter war, was funktioniert hat und was beim nächsten Sud vielleicht schon wieder anders gemacht wird. Für Biernerds ist das ziemlich nah an einem Spielplatz.

Über Kraftbier0711

Kraftbier0711 ist aus einer Gruppe von Jungs entstanden, die sich ursprünglich über ihre Kinder während der Kitazeit kennengelernt haben. Irgendwann kam das gemeinsame Interesse an Bier dazu und 2017 haben wir unseren Instagram Account @kraftbier0711 ins Leben gerufen. Seitdem beschäftigen wir uns mit Bier, Tastings, Brauereien, Biergeschichte, Produkten und eigentlich allem, was irgendwie mit Bier zu tun hat.

Wir verstehen uns dabei weniger als journalistisches Medium, das ausschließlich über die Brauszene berichtet. Uns interessiert vor allem, was Bier alles sein kann.

Autor

  • Christian ist Internationaler Biersommelier und Juror bei den World Beer Awards. Seit seiner Craft Bier Erleuchtung 2016 hat er über 5.000 Biersorten aus aller Welt verkostet und braut seit 2018 selbst mit.

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