TLDR: Kleine Sude für mehr Hobby
Kleine Batches zwischen 6 und 10 Litern haben mein Brauen verändert. Ich experimentiere mutiger, lerne schneller und verschwende weniger Bier. Der Brautag dauert 3 Stunden statt 6 bis 8, das Equipment passt in die Spülmaschine, und ich kann nach der Arbeit brauen statt nur am Wochenende.
Das Tonkabohnen-Desaster
Ich habe 20 Liter Bier weggeschüttet.
Das war vor zwei Jahren. Ich hatte mit Philly Sour experimentiert und Tonkabohne ins Bier gegeben. Die Kombination klang im Kopf gut. Im Glas war sie grausam.
Das Problem war nicht die Idee. Das Problem war der Zeitpunkt, an dem ich es gemerkt habe – nach vier Wochen Warten, nach dem Karbonisieren, nach 6-8 Stunden Brautag. 20 Liter untrinkbares Bier. Finanziell ärgerlich, aber der Arbeitsaufwand tat mehr weh.
Heute würde ich das gleiche Experiment sofort wieder machen. Aber mit 6-9 Litern.
Die versteckte Angst vor dem Fehlsud
Ich habe jahrelang immer Rezepte nachgebraut.
Nicht weil ich sie so liebte. Sondern weil ich keine Fehler machen wollte. Der nächste Brautag war erst in ein paar Monaten. Ich musste das Bier bis dahin trinken. Also blieb ich bei dem, was funktionierte.
Das Ergebnis: Ich habe den Prozess verstanden, aber nicht die Rohstoffe. Was macht ein Münchner Malz anders als ein Wiener Malz? Was passiert, wenn ich die Hopfensorte wechsle? Keine Ahnung. Ich hatte ein Jahr lang regelmäßig gebraut und trotzdem nichts über Zutaten gelernt.
Bei großen Batches experimentierst du nicht. Du optimierst.
Das ist der Unterschied. Mit 20 Litern änderst du nicht einfach mal 10% Karamalz und 10% Melanoidinmalz, um zu sehen was passiert. Das Risiko ist zu hoch. Mit 8 Litern machst du genau das – und wenn es nichts wird, braust du zwei Wochen später nochmal.
Wie ich das Pandora Pale Ale entwickelt habe
Mein Pandora Pale Ale habe ich viele Male gebraut, bevor ich es veröffentlicht habe.
Ich habe mit Hopfengaben experimentiert, mit Ölkonzentrationen gespielt, verschiedene Timing-Varianten getestet. Dafür hatte ich mir extra eine kleine Brauanlage gebaut. Jeder Sud war ein Test mit einer einzigen Variable.
Das ist systematisches Lernen. Du änderst nicht tausend Zutaten gleichzeitig. Du änderst eine Komponente und braust nochmal. So verstehst du, was wirklich passiert.
Mit 20-Liter-Batches kannst du das nicht machen. Da hast du am Ende Unmengen an Bier.

Brauen mit zwei Kindern
Große Brautage fallen aus.
6-8 Stunden sind nur am Wochenende möglich. Wochenende ist Primetime mit der Familie. Das matcht nicht. Ich will die Zeit mit meinen Kindern verbringen, solange sie noch klein sind.
Kleine Batches passen in andere Slots. Nach der Arbeit. Vor der Arbeit. Am Wochenende in einem kurzen Zeitblock. Du brauchst keinen ewigen Zeitblock mehr.
Eine kleine Anlage ist schnell aufgebaut. Das Wasser ist schnell heiß. Du maischt ein.
Die Maisch- und Kochzeit kannst du nicht ändern – die Enzyme brauchen ihre Zeit. Aber die Schritte davor und danach sind minimal. Am Ende kommt alles in die Spülmaschine und das Bier kühlt schnell ab. Du hast es schnell angestellt.
Früher habe ich nach einem Brautag eine Stunde mit Schrubben verbracht. Heute packe ich alles in die Spülmaschine und bin fertig.
Vergiss den Starter – braue einen kleinen Vorsud
Gerade beim Einsatz von Flüssighefe ist ein Starter häufig nötig. Erst recht, wenn du ein untergäriges Bier, oder allgemein ein Bier mit hoher Stammwürze braust.
Der klassische Weg zur optimalen Hefemenge ist dann über einen Starter. Wenn ich auf meiner 40 Liter Anlage einen Bock brauen will, dann brauche ich häufig schon einen 6 Liter Starter.
Anstatt jetzt 2x3L Erlenmeyerkolben mit Starterwürze hochzuziehen, kann ich auch einfach einen Vorsud machen – mit meiner kleinen 6-10 Liter Brauanlage 🙂 Dann kann ich sogar noch etwas experimentieren und habe zusätzlich fast eine Kiste Bier produziert.
Tipp zum Hefe sparen
Andersherum kannst du auch einen kleinen Starter für deinen 8 Liter Sud planen. Ein klassisches Vollbier erfordert in diesem Fall untergärig etwa 100 Mrd. Zellen. Du könntest einen 1 Liter Starter mit 50% des Smack Packs machen und den Rest für den nächsten Sud aufbewahren.
Die Komplexität explodiert
Das Bierbrauen wird jedes Jahr komplexer.
Es gibt ständig neue Hopfensorten. Biotransformation ist im Kommen. Die Craft-Beer-Szene entwickelt neue Stile. Wenn du als Hobbybrauer alles verstehen und ausprobieren willst, braust du viele Sude.
Rechne mal hoch: Wenn du zehnmal im Jahr braust, hast du in zehn Jahren 100 Sude. Wie viele verschiedene Rohstoffe kannst du in 100 Suden testen? Wie viele Kombinationen ausprobieren?
Mit kleinen Batches verdoppelst oder verdreifachst du diese Zahl. Du lernst schneller. Du verstehst mehr.
Die Stadt wächst, der Keller schrumpft
Immer mehr Menschen ziehen in Städte.
Die meisten Hobbybrauer mit großen Anlagen wohnen auf dem Land. Eigenheim, Doppelhaushälfte, Garage. Das sehe ich an den Kommentaren auf meinem Blog, an Mails, an den Brauern, die ich kenne.
Wer in einer kleinen Wohnung wohnt, hat ein Problem. Ich kenne Leute, die ihre Brauanlage in den dritten Stock tragen müssen. Die schleppen vor jedem Brautag alles hoch, bauen auf, brauen, bauen ab, schleppen wieder runter. Manche haben keinen Balkon und müssen am Fenster brauen, weil die Anlage nicht unter die Abzugshaube passt.
Das ist kein Hobby mehr. Das ist Logistik.
Kleine Anlagen lösen dieses Problem. Du brauchst keinen Keller. Keine Garage. Keinen Balkon. Du brauchst eine Küche und eine Spülmaschine.

Der Bierkonsum geht zurück
Die Zahlen sind eindeutig: Deutscher Bierkonsum sinkt seit Jahren. 1995 waren es 130 Liter pro Kopf, 2024 nur noch 88 Liter.
Das trifft auch die Hobbybrauer-Szene. Immer weniger Leute interessieren sich für Bier. Die Richtung geht zu besserer Qualität statt Masse.
Was machst du mit 40 oder 100 Litern Bier, wenn kaum noch Leute da sind, die das trinken? Heute kann ich auf Familienfeiern ein 20-Liter-Fass in Kürze losbekommen. In 10 Jahren trinkt jeder vielleicht ein Glas zum Probieren und schwenkt dann auf andere Sachen um.
Kleinere Mengen sind die logische Konsequenz.
Was willst du mit 20 Liter Starkbier?
Mal ganz ehrlich: Es gibt viele Biere, da trinkst du vielleicht mal ein Glas gemütlich über den Abend verteilt. Zum Beispiel ein gutes Quadrupel, aber auch normale Doppelböcke.
Jetzt hast du aber 20 Liter produziert. Erst einmal ist es teilweise sehr teuer, aber außerdem müsstest du dich daran Jahre lang bedienen. Irgendwann kommt der Moment, wo du es einfach lagerst und vergisst, oder verschenkst.
Ein ähnliches Dilemma hat man mit frischen Bieren, wie z.B. ein NEIPA. Das kannst du keine Monate lang herumlagern lassen. Das muss frisch getrunken werden. Schaffst du 20 Liter NEIPA in 2 Monaten? 😉
Etwas spitz formuliert, aber du merkst worauf ich hinaus möchte.
Die ehrlichen Nachteile
Der größte Nachteil: Wenn ein Bier total gut geworden ist, ärgerst du dich, dass du nicht mehr davon hast.
Du kannst das Rezept hochskalieren und auf einer größeren Anlage nochmal brauen. Aber es wird nie eins zu eins so sein. Das Meisterstück gelingt dir vielleicht nicht noch ein zweites Mal.
Aber du hast daran gelernt. Du weißt, welche Kombinationen gut waren. Und vielleicht findest du sogar heraus, warum es auf einer großen Anlage nicht funktioniert hat.
Das machen große Brauereien genauso. Die probieren erst in kleinen Mengen und gehen dann in die Masse. Das ist der typische Upscaling-Prozess.
Ansonsten nervt mich an kleinen Anlagen relativ wenig. Das Brauerlebnis ist genau das gleiche. Du hast halt weniger Edelstahl, weniger Hähne, weniger Leitungen. Es wirkt kleiner. Aber der Spaß ist der gleiche.
Warum du kleiner werden solltest
Wenn du seit Jahren mit 20-30 Litern braust, fragst du dich jetzt vielleicht: Warum sollte ich kleiner werden?
Hier sind die Gründe:
Du kannst mehr experimentieren. Wenn ein Sud schiefgeht, ist es nicht schlimm. Du wirfst ein bisschen Bier weg und probierst nochmal. Du lernst neue Kombinationen kennen, die du sonst nie getestet hättest.
Du lernst schneller. Mehr Sude bedeuten mehr Erfahrung. Du verstehst die Rohstoffe besser. Du entwickelst ein Gefühl für Aromen, Prozesse, Timing.
Du kannst Starterwürze bauen. Für einen Doppelbock brauchst du einen großen Starter. Statt viele Erlenmeyerkolben aufzustellen, machst du einfach einen kleinen Vorsud mit einem Bier, das du schon immer mal probieren wolltest. Wenn es danebengeht, ist es egal – du hast die Hefe produziert.
Auch wenn du kein Platzproblem hast und genug Zeit – eine kleine Anlage als Ergänzung macht Sinn.
FAQ

Besser brauen mit dem Braukompass
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